Mama geht’s nicht gut: Tipps, um mit Kindern über psychische Krankheiten zu reden

Oberwart, 8. 10. 2020

Seelische Erkrankungen sind immer noch ein Tabuthema. Ein offener Umgang in der Familie ist aber wichtig.

„Ruhe geben, alleine spielen, weil es Mama nicht gut geht oder auf die Geschwister schauen, weil Papa gerade nicht die Nerven dafür hat. Wenn Eltern unter psychischen Problemen leiden spürt

sos
Mag. Marek Zeliska / SOS-Kinderdorfleiter Burgenland

das die ganze Umgebung. Darüber zu reden ist noch immer schwierig und nicht selten tabu. Zur seelischen Belastung kommen noch Scham, Angst oder Schuldgefühle. Aber auch ohne klare Worte spüren Kinder, dass etwas nicht stimmt“ so Zeliska Marek, SOS-Kinderdorfleiter Burgenland.

Die SOS-Familientipps helfen dabei: Wie kann man Kindern etwas erklären, das man selbst oft nicht ganz versteht?

 

#1 Gemeinsam durch die Krise

Eltern möchten ihre Kinder vor Kummer und Schmerz schützen und sie nicht belasten. Mit Schweigen und ausweichenden Antworten bewirkt man aber das Gegenteil: die Kinder werden verunsichert und machen sich Sorgen. Darum: Nur Mut! Trauen Sie Ihrem Kind den Umgang mit der Situation zu. Psychische Probleme wirken sich auf die ganze Familie aus und sollten darum auch gemeinsam gemeistert werden.

 

#2 Die richtigen Worte finden

Über seelische Krankheiten zu sprechen ist ungewohnt. Überlegen Sie sich darum, welche Atmosphäre sich eignet, und bereiten Sie sich gut auf das erste Gespräch vor. Bücher können Sie dabei unterstützen, passende Worte zu finden. Unter www.sos-kinderdorf.at/familientipps finden Sie eine Liste von Büchern, die kindgerecht auf seelische Krankheiten eingehen. Bzw online: Bei SOS-Kinderdorf verwenden wir etwa diese Bücher, die kindgerecht auf seelische Krankheiten eingehen:

„Was ist bloß mit Mama los?“ Wenn Eltern in seelische Krisen geraten. Mit Kindern über Angst, Depression, Stress und Trauma sprechen (Karen Glistrup, Kösel Verlag, 2013)

„Sonnige Traurigtage“ (Schirin Homaier, Mabuse-Verlag, 2006)

„Mamas Monster“ Was ist nur mit Mama los? (Erdmute v. Mosch, Balance Buch + Medien Verlag, 2014)

„Mama, Mia und das Schleuderprogramm“ Kindern Borderline erklären (Christiane Tilly, Anja Offermann, Balance Buch + Medien Verlag, 2012)

„Annikas andere Welt“ von Eder, Rebhandl-Schartner und Gasser (Edition Riedenburg, 2013)

#3 Ehrliche Antworten

Offene Gespräche sind wichtig, damit Kinder und Jugendliche überfordernde Erlebnisse besser einordnen und verarbeiten können. Außerdem hilft Transparenz dabei, Schamgefühl zu vermindern. Wenn Ihr Kind Fragen hat, versuchen Sie, aufrichtig und in leicht verständlichen Worten darauf einzugehen. Auf manche Fragen gibt es vielleich im Moment keine klare Antwort, und das ist okay. Geben Sie zu, wenn Sie zum Beispiel nicht wissen, wann es Papa wieder besser gehen wird. Und teilen Sie mir Ihrem Kind, dass auch Sie sich wünschen würden, es zu wissen. Manche Kinder fragen nicht sofort nach. Wenn die Fragezeichen erst später auftauchen und Ihr Kind sich vielleicht mitten im Supermarkt mit neuen Gedanken an Sie wendet, nehmen Sie sich Zeit und gehen Sie darauf ein.

 

#4 Schuldgefühle nehmen

Viele Kinder und Jugendliche fühlen sich schuldig und denken, dass sie für das Verhalten ihrer Eltern verantwortlich sind: „Wenn ich nicht so schlimm gewesen wäre, müsste Mama nicht so oft weinen.“ „Papa musste so viel arbeiten, damit es mir gut geht, und jetzt ist er krank“. Erklären Sie Ihrem Kind, dass die Probleme nicht von ihm ausgelöst werden. Besprechen Sie, dass niemand daran Schuld ist und sie alle ein gemeinsames Ziel haben: mit der Krankheit gut umzugehen.

 

#5 Eltern bleiben

Achten Sie darauf, dass es nicht zu einem Rollenwechsel kommt. Auch wenn der Familienalltag etwas aus den Fugen gerät, sollte Ihr Kind weiterhin Kind sein dürfen und nicht die Versorgung eines kranken Elternteils übernehmen. Wenn Sie das Gefühl haben, das Gefüge kippt, holen Sie sich Hilfe – zum Beispiel bei Verwandten, Freundinnen und Freunden oder Beratungsstellen.

 

#6 Ausgleich schaffen und Hilfe annehmen

Überlegen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind, was ihm gut tut und die Situation leichter macht. Das kann ein unbeschwerter Ausflug genauso sein wie eine Vertrauensperson, mit der sich der Nachwuchs offen austauscht. Scheuen Sie sich nicht davor, Hilfe von anderen anzunehmen. Psychische Probleme sind ein ernstzunehmendes Thema. Sie zu erkennen und sich Unterstützung zu holen sind wichtige Schritte für die ganze Familie.

 

Rat auf Draht klärt auf – auch über YouTube

Auch bei Österreichs wichtigster Helpline Rat auf Draht tun sich junge Anruferinnen und Anrufer schwer, über psychische Erkrankungen zu sprechen. Wenn Kinder und Jugendliche mit ihren Fragen allein gelassen werden, sind die Folgen Falschinformation und Überforderung. Rat auf Draht setzt daher schon lange auf neue Beratungsformen und holt die Kinder und Jugendlichen dort ab, wo sie sich aufhalten: im Internet.

Mit einer neuen Video-Serie auf YouTube werden oft schambehaftete Themen wie Sexualität, Körperempfinden oder eben psychische Erkrankungen aufgegriffen und damit ein Kanal für bessere Information und Aufklärung geschaffen. Zum aktuellen Video zum Thema psychische Erkrankungen:

https://www.youtube.com/watch?v=diZP4sjnrUg&list=UUigAYBlIZzu2WR6KVtl6iHQ

 

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