Intensivmedizinische Ressourcen können rasch an Kapazitätsgrenzen stoßen

Wien, 28. 10. 2020

Intensivmedizin-Fachgesellschaft: Ohne Reduktion der Neuinfektionen drohen Einschränkungen von Versorgungsleistungen

ögari logoIn mehreren europäischen Ländern waren in den vergangenen Tagen laut Berichten die Auslastungsgrenzen der intensivmedizinischen Versorgungskapazitäten aufgrund der dramatischen Anstiege von COVID-19-Erkrankungen bereits erreicht: Einige EU-Partner, darunter Österreich, lieferten dringend benötigte Atemgeräte nach Tschechien. Und die Niederlande haben, wie schon einmal im Frühjahr, aus Kapazitätsgründen bereits Deutschland ersucht, wieder Intensivpatientinnen und -patienten zu übernehmen.

Auch in Österreich sind zuletzt die Hospitalisierungsraten und Belegungszahlen auf den Intensivstationen aufgrund von COVID-19-Erkrankungen rasant angestiegen: Waren vor vier Wochen noch insgesamt 469 Patientinnen und Patienten mit COVID-19 hospitalisiert und 88 von ihnen in Intensivbehandlung, so waren es vor zwei Wochen 654 und 112 und mit Stand 27.10. laut Update des Gesundheits- und Innenministeriums 1.400 bzw. 203. Seit Anfang September haben sich die entsprechenden Werte nahezu verzehnfacht – eine Trendumkehr ist nicht in Sicht.

Dass angesichts weiter ansteigender Infektionszahlen und derartiger Steigerungsraten vereinzelt immer noch von einer entspannten Situation die Rede ist, was die Intensivversorgung betrifft, ist für Expertinnen und Experten aus der Intensivmedizin nicht nachvollziehbar. „Leider bewegen wir uns zunehmend auf eine Situation zu, vor der wir, auch gemeinsam mit anderen Fachgesellschaften, seit dem Sommer konsequent gewarnt haben*“, sagt Univ.-Prof. Dr. Klaus Markstaller, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI). „Wie sich in einigen europäischen Ländern wieder deutlich zeigt, bedeuten viele gleichzeitig stattfindende COVID-19-Erkrankungen eine erhebliche Belastung für die Spitäler und insbesondere die Intensivstationen, die bis zur Einschränkung der Versorgungskapazität von Patientinnen und Patienten mit aber auch ohne COVID-19-Infektion gehen kann. Man muss das auch vor dem Hintergrund sehen, dass selbst in gut ausgestatteten Gesundheitssystemen wie dem österreichischen der routinemäßige Auslastungsgrad der Intensivressourcen – ohne Zusatzbelastung durch die Pandemie – bewusst sehr hoch war und keine großen „Vorhaltekapazitäten“ weder personell noch strukturell ökonomisch vertretbar gewesen wären. Das ist so vielleicht noch immer nicht allen bewusst.“

Starke Zuwächse bei der Zahl von Patientinnen und Patienten, die intensivmedizinische Betreuung benötigen, bedeuten daher unabdingbar Versorgungsengpässe – in einer Situation der Überlastung der Ressourcen auch eine höhere Rate von vermeidbaren Todesfällen, wie es bereits in anderen europäischen Ländern zu beobachten ist. Negative Folgen hat all das auch für Patientinnen und Patienten mit anderen Erkrankungen, die nicht unbedingt akut versorgt werden müssen. „Dass wir zum Beispiel wieder Einschränkungen bei elektiven Eingriffen machen müssen, will sicher niemand – aber es muss allen bewusst sein, dass dies eine nahezu unvermeidliche Konsequenz stetig steigender Infektionszahlen ist, und nicht etwa, wie im Frühjahr diesen Jahres, eine vorbeugende Maßnahme“, betont Prof. Markstaller. Zudem ist zu bedenken, dass Intensivbetten nur dann versorgungsrelevant sind, wenn sie auch mit spezialisiertem ärztlichem und Gesundheitspersonal bespielt werden können.

Die Tatsache, dass bereits aus mehreren Bundesländern Meldungen kommen, ihre intensivmedizinischen Kapazitätsgrenzen seien bald erreicht, vermittelt ein Bild der realen Situation in den Spitälern, heißt es seitens der ÖGARI. Jetzt müsse man innerhalb des Fachgebiets alle Kraft darauf konzentrieren, die zunehmende Zahl von schwer an COVID-19 Erkrankten optimal zu behandeln und möglichst vielen von ihnen ein Überleben zu sichern – und zugleich auch unter diesen Bedingungen die Versorgung aller anderen Patientinnen und Patienten  bestmöglich zu organisieren.

Eine spürbare Eindämmung der Neuinfektionen sei mehr denn je das Gebot der Stunde, so Prof. Markstaller. „Für uns alle bedeutet das, so herausfordernd es auch für die kommenden Monate ist, die bekannten Präventionsmaßnahmen viel konsequenter als bisher umzusetzen – im privaten wie dem öffentlichen Raum. An strikter Händehygiene, Abstandhalten, dem Reduzieren von Kontakten auf ein unbedingt notwendiges Maß und Mund-Nasen-Schutz führt kein Weg vorbei.“ An die politisch Verantwortlichen appelliert die Fachgesellschaft, den Ernst der Versorgungslage richtig einzuschätzen und nicht nur die entsprechenden Maßnahmen zu setzen, sondern diese auch nachvollziehbar und einheitlich zu kommunizieren.

Die Dynamik, die die COVID-19-Pandemie im Bereich der Belegung von Intensivstationen mit sich bringt, zeigt auch ein Blick auf die internationalen Zahlen. Zwischen Anfang und Mitte Oktober ist laut Daten der EU-Behörde für übertragbare Krankheiten ECDC die Zahl der Intensivpatientinnen und -patienten mit COVID-19 in Belgien um 120 Prozent gestiegen, in den Niederlanden um 101 Prozent oder in Italien um 150 Prozent. Bedauerlicherweise ist auch eine entsprechende Zunahme an Verstorbenen festzustellen. In Belgien stieg die Zahl der COVID-19-Todesfälle zwischen Anfang September und dem 27. Oktober von 9.897 (858 pro Million Einwohner) auf 10.899 (945 pro Million), in den Niederlanden von 6.230 (364 pro Million) auf 7.142 (418 pro Million) und in Italien von 35.491 (586 pro Million) auf 37.700 (623 pro Million). In Österreich waren es Anfang September 734 Todesfälle (83 pro Million), aktuell stehen wir bei  1.005 (112 pro Million).

 

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