Perlen im Kaisersaal: Das Fidelius Quartett im Schloss Kobersdorf

Am Sonntagvormittag lag im Kaisersaal von Schloss Kobersdorf jene Stille, die nur entsteht, wenn vier junge Musiker einander zuhören. Die 8. Kobersdorfer Schlossmatinee gehörte dem Fidelius Quartett – und zwei Werken, die das Streichquartett erst zu dem gemacht haben, was es bis heute ist: einer Unterhaltung unter Gleichberechtigten. Unser Fotoreporter Herbert Unger durfte dieses Konzerterlebnis im Kaisersaal fotografisch dokumentieren. Genießen sie die Fotostrecke zur Veranstaltung und den kurzen Konzertausschnitt.

Weiß gekalkte Rundtürme, schwere Holztore, Geranien vor dem Eingang: Schloss Kobersdorf wirkt von außen wie ein Festungsbau, der sich irgendwann entschieden hat, gastfreundlich zu werden. Zu Füßen des Paulibergs, mitten im Naturpark Landseer Berge, steht hier eine Anlage, deren Wurzeln ins 13. Jahrhundert zurückreichen und die im 16. und 17. Jahrhundert zur Renaissance-Residenz ausgebaut wurde. Im Sommer füllt der Arkadenhof die Schloss-Spiele. An diesem 27. September 2026, einem klaren Sonntag um 11 Uhr, war es der Kaisersaal, der den Ton angab – intim, historisch, nah am Publikum.

Genau diesen Raum sucht die Reihe der Kobersdorfer Schlossmatineen. Veranstaltet wird sie in Kooperation der Joseph Haydn Privathochschule Burgenland mit dem Verein der Freunde des Schlosses Kobersdorf. Junge Ensembles der Hochschule spielen Kammermusik, der Eintritt ist eine freie Spende. So bleibt das Schloss nicht nur Kulisse großer Sommertheater, sondern ein Haus, in dem die Region ihre eigene musikalische Nachwuchsarbeit hören kann.

Vier Stimmen, eine Klasse

Das Fidelius Quartett ist 2023 entstanden – nicht als Projekt auf Zeit, sondern aus dem Alltag des Studiums in Eisenstadt. Daniel Unger und Dominika Kolesnikov (Violinen), Camillo Kircher (Viola) und Sofia Berrini (Violoncello) fanden einander an der Joseph Haydn Privathochschule. Die Hochschule ist die Nachfolgerin des ehemaligen Haydn-Konservatoriums; sie trägt den Namen jenes Komponisten, der nur wenige Kilometer entfernt, am Esterházy-Hof, das Streichquartett zur Königsdisziplin gemacht hat.

Die vier spielen in den Klassen von Veronica Kröner (Violine), Milan Milojicic (Viola) und Othmar Müller (Violoncello). Programmierung und Einstudierung liegen bei Cornelia Gradwohl. Zwei Tage zuvor, am 25. September, hatten sie dasselbe Programm bereits im Haydn-Haus Eisenstadt vorgestellt. Die Schlossmatinee war also kein Probeauftritt, sondern die Fortsetzung eines bewussten Bogens: vom Wohnhaus des Namensgebers in den Festsaal eines burgenländischen Renaissanceschlosses.

Auf dem Plakat stehen die vier nicht als Gruppe im Sonntagsanzug, sondern als Hände, Bögen, Instrumentenhälse. Nahaufnahmen: Finger auf Griffbrett, Lack des Holzes, Licht auf Saiten. Die Bilder wirken konzentriert, fast werkstattnah – weniger Glamour als Arbeit. Genau das ist die Stimmung, die ein Streichquartett braucht. Wer diese Fotos sieht, sieht kein Dekorationsensemble, sondern vier Leute, die wissen, dass jeder Einsatz des anderen über das eigene Spiel entscheidet.

Das Fidelius Quartett ist 2023 entstanden – nicht als Projekt auf Zeit, sondern aus dem Alltag des Studiums in Eisenstadt. Daniel Unger und Dominika Kolesnikov (Violinen), Camillo Kircher (Viola) und Sofia Berrini (Violoncello) fanden einander an der Joseph Haydn Privathochschule.

Haydn: die Erfindung des Gesprächs

Das Programm nannte die Werke „Perlen der Streichquartettliteratur“. Bei Haydn meinte das eines seiner beliebtesten Quartette – und zugleich eines jener Stücke, in denen die vier Stimmen nicht mehr Diener und Herr sind, sondern Partner. Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein war das Quartett oft ein aufgewertetes Divertimento: Die erste Geige führte, die übrigen begleiteten. Haydn hat diese Hierarchie umgebaut. In den Sonnenquartetten op. 20 und vor allem in den „Russischen Quartetten“ op. 33 von 1781, die er selbst „auf eine ganz neue, besondere Art“ geschrieben haben wollte, wird aus Begleitung Konversation. Das Cello darf singen, die Viola argumentiert, die zweite Violine widerspricht, die erste muss plötzlich zuhören.

Technisch ist das anspruchsvoller, als es klingt. Haydns Witz sitzt in den Übergängen: ein Thema wandert, ein Motiv wird zerlegt, ein Menuett kippt ins Scherzo, ein Finale täuscht den Schluss vor und fängt von vorn an. Wer hier nur „sauber“ spielt, spielt falsch. Es braucht Timing wie im Theater, einheitliche Artikulation bei völlig verschiedenen Rollen und jene Transparenz, bei der kein Spieler den anderen zudeckt. Genau deshalb gilt das reife Haydn-Quartett bis heute als Schule des Ensembles: Man kann es nicht „anführen“, man muss es miteinander denken.

Für Studierende ist das eine doppelte Aufgabe. Sie müssen Haydns klassische Rhetorik treffen – Klarheit, Proportion, Humor – und zugleich so frei klingen, als entstünde der Satz im Moment. Im Kaisersaal, einem Raum mit kurzer Nachhallzeit und historischer Enge, wird jeder Ausgleich zwischen den vier Klangfarben hörbar. Ein zu dickes Vibrato, ein zu spitzer Einsatz, ein Cello, das den Bass zu schwer nimmt: Sofort kippt das Gespräch.

Mendelssohn: der Achtzehnjährige antwortet Beethoven

Danach der Sprung. Felix Mendelssohn Bartholdy schrieb sein Streichquartett a-Moll op. 13 im Jahr 1827. Er war achtzehn. Ludwig van Beethoven war wenige Monate zuvor gestorben.

Op. 13 ist Mendelssohns erstes reifes Quartett – trotz der späteren Opuszahl 13; das Es-Dur-Quartett op. 12 entstand erst zwei Jahre danach. Der junge Komponist tat etwas, das damals fast vermessen war: Er nahm sich nicht den „verständlichen“ mittleren Beethoven zum Vorbild, sondern die späten Quartette, vor allem op. 132 in derselben Tonart a-Moll. Viele Zeitgenossen hielten diese Werke für unspielbar oder wirr. Mendelssohn hatte die Partituren studiert und begriff, was darin steckte: zyklische Form, Rezitativ, Fuge, Lied, Bruch.

Das Quartett beginnt nicht mit einem Thema, sondern mit einer Frage. Mendelssohn legt seinem eigenen Lied „Frage“ („Ist es wahr?“, op. 9 Nr. 1) das dreitönige Motiv zugrunde und zieht es durch alle Sätze. Am Ende kehrt die Einleitung wieder – ein früher, konsequenter Zyklus, Jahrzehnte vor Franck. Dazwischen stehen ein Adagio mit chromatischer Fuge, ein leichtfüßiges Intermezzo und ein Finale, das mit einem Violinrezitativ über Tremolo einsetzt, ganz im Gestus von Beethovens op. 132 – und dann in leidenschaftliche Bewegung umkippt.

Die spieltechnische Schwierigkeit ist eine andere als bei Haydn. Mendelssohn verlangt romantischen Ton und klassische Disziplin zugleich: lange Bögen, dichte Polyphonie, plötzliche Ausbrüche, fließende Sechzehntel, die nicht hetzen dürfen, und jenes leise, hymnische Singen, das sofort zusammenbricht, wenn einer der vier den Klang „macht“ statt ihn zu tragen. Die erste Violine hat rezitativische Soli, darf aber nie zum Solokonzert werden. Die inneren Stimmen müssen in der Fuge gleichwertig bleiben. Das Cello hält Harmonie und Dramatik zusammen. Wer op. 13 nur schön spielt, nimmt ihm die Unruhe. Wer es nur dramatisch spielt, nimmt ihm die Linie.

Dass ein Achtzehnjähriger 1827 so komponierte, bleibt erstaunlich. Mendelssohn übersetzt Beethovens Spätwerk nicht ins Akademische, sondern ins Persönliche: eine Liebesfrage, eine Trauer um den verehrten Meister, eine Form, die sich erinnert, statt nur abzulaufen.

Warum gerade diese beiden Stücke in diesem Saal

Haydn erfindet das Quartett als Gespräch. Mendelssohn führt dieses Gespräch mit einem Toten. Dazwischen liegen ein halbes Jahrhundert und die ganze Last der Wiener Klassik. Genau dieser Bogen macht aus zwei „Perlen“ ein Programm.

Im Kaisersaal wirkt das besonders scharf. Haydns Witz braucht Luft und Präzision; Mendelssohns Pathos braucht Wärme und Raum, ohne ins Schwülstige zu kippen. Ein Schlosssaal aus Renaissance und Manierismus ist dafür kein neutrales Studio. Stein, Stuck, Holzdecken färben den Klang. Vier Streicher müssen den Raum nicht füllen wie ein Orchester, sondern ihn zum Mitspieler machen: Haydn heller, gesprächiger; Mendelssohn dunkler, atmender.

Dazu kommt der Ort im weiteren Sinn. Eisenstadt und Kobersdorf gehören zur selben Kulturlandschaft. Haydn arbeitete für die Esterházys; das Schloss Kobersdorf lag später ebenfalls in deren Einflussbereich. Wenn Studierende der Haydn-Privathochschule hier Haydn und den jungen Mendelssohn spielen, ist das kein Zufallsthema für ein Matinee-Plakat. Es ist eine Linie: der Komponist, der das Genre gebaut hat – und der Frühromantiker, der als Jugendlicher begriff, wohin Beethoven es getrieben hatte vorgetragen durch 4 junge Musiker die sich als „Fidelius Quartett“ präsentieren. Sie haben diese meisterliche Aufgabe in höchster Qualität umgesetzt.

Die Schlossmatinee selbst steht in dieser Linie. Sie holt Hochschule ins Schloss, Schloss ins Sonntagsleben der Region. Kein Festivalrummel, keine Abendgarderobe als Pflicht. Elf Uhr, freie Spende, vier Stühle, zwei Meisterwerke. Die Bilder des Quartetts – nahe Hände, dunkle Instrumente, konzentrierte Gesichter – passen zu diesem Maßstab. Man sieht keine Bühne, die Distanz erzeugt, sondern Arbeit, die Nähe erlaubt.

Am Ende bleibt der Eindruck, den Kammermusik in einem solchen Haus hinterlassen soll: dass vier junge Leute aus Eisenstadt in einem Saal, der älter ist als beide Werke zusammengenommen, eine Form weiterspielen, die Haydn erfunden und Mendelssohn neu befragt hat. Nicht als Museum. Als Gespräch, das heute Vormittag in Kobersdorf wieder hörbar war.

kurzer Video Konzertausschnitt

Fotostrecke zur Veranstaltung:

 

Das künstlerische Konzept der Kobersdorfer Schlossmatinee
Das Format verbindet in der Regel zwei Kernkomponenten: Junge Talente & hochkarätige Klassik: Es wird gezielt mit Institutionen wie der Joseph Haydn Privathochschule kooperiert. Junge Musikerinnen und Musiker präsentieren anspruchsvolle Programme – die Bandbreite reicht von klassischen Gesangsperlen (Haydn, Mozart, Schubert) bis hin zu spezialisierten Instrumentalensembles, wie etwa klassischen Gitarren-Quartetten, die Werke von Beethoven bis Astor Piazzolla interpretieren.

 

8. Kobersdorfer Schlossmatinee
Fidelius Quartett – Perlen der Streichquartettliteratur
Werke von Joseph Haydn und Felix Mendelssohn Bartholdy
Sonntag, 27. September 2026, 11 Uhr, Kaisersaal Schloss Kobersdorf
Eintritt: freie Spende
https://jhp.ac.at · Verein der Freunde des Schlosses Kobersdorf

Schloss Kobersdorf befindet sich im Privatbesitz der Familie Schlanitz-Bolldorf, öffnet jedoch exklusiv für ausgewählten Kulturprojekte und Führungen regelmäßig seine Tore für die Öffentlichkeit. Eine kleine Fotostrecke zum Schloss.

 

Die Recherche zu diesem Artikel wurde mit grokKI unterstützt Artikel und Redaktion. Fotos/Video (hu) ++ende++

Herbert Unger – freier Journalist bei bkftv.at
herbert.unger@bkftv.at oder 06645344908
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Vertraulich: Threema ID: DBZ2S7ET
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