Halbturn: Tschardakenfest 2026 – zwischen Holzlatten und Herbstgold

Unserer Fotoreport Herbert Unger war am Samstag zur Eröffnung in Halbturn und hat das Fest in einer Fotostrecke für sie digital eingefangen. Um 2006/2007 machten Halbturner Vereine und Helfer die Tschardake zum Mittelpunkt eines Herbstfestes. Entlang der Tschardakenstraße gehen lohnt sich, aber auch abseits der Stände in die Stadeln, Kellern und Hallen gibt es viel zu sehen, zu essen, zu trinken und kaufen. Am letzten Septemberwochenende gehört die Frauenkirchener Straße nicht mehr dem Alltag. Sie gehört dem Kukuruz, dem Dirndl, dem Most und jenen schmalen Holzhäusern, die Halbturn von keinem anderen Ort im Seewinkel unterscheiden: den Tschardaken.

Seit 2006, mancherorts heißt es 2007, feiert die Gemeinde dieses Fest. Damals drohten die Tschardaken der Säge zum Opfer zu fallen. Niemand brauchte sie mehr zum Trocknen der Maiskolben, niemand füllte sie im Winter noch mit Brennholz. Heute stehen sie wieder im Mittelpunkt – und mit ihnen ein ganzes Dorf, das sich weigert, sein Bild zu vergessen.

Am Samstag ab Mittag, am Sonntag schon ab zehn Uhr füllt sich die Tschardakenstraße. Von der Uroma bis zum Enkel ist alles auf den Beinen. Manche kommen im Dirndl, andere im Alltag, alle aber mit demselben Hunger: nach Geröstetem, nach Süßem, nach dem ersten kühlen Schluck vom Winzer, der selbst hinter dem Ausschank steht. Frischer Kukuruz dampft an den Ständen. Daneben Grammeln, Strudel, Pogatschen, Palatschinken, pannonische Schmankerl, deren Namen man nicht extra erklären muss, wenn man sie erst einmal gerochen hat. Most und Sturm, Weine aus Halbturn – die Ernte ist eingefahren, also darf gefeiert werden.

Das Festprogramm ist ein generationenübergreifendes Volksfest, das dörfliche Traditionen nicht isoliert als Museumsstücke präsentiert, sondern in eine lebendige Praxis überführt. Die Tracht bildet hierbei das verbindende optische Fundament: Unter dem Leitgedanken „Führ dein Dirndl aus“ versammeln sich Einheimische wie Gäste in traditionellen Trachtengewändern, Dirndln und Lederhosen. Über dreißig örtliche Vereine und hunderte freiwillige Helfer verwandeln das Areal in ein dichtes Geflecht aus Begegnungszonen, Musikstationen und Handwerksbühnen.

Der Festauftakt am Samstag verknüpft sportlichen Gemeinschaftssinn mit volkskulturellen Ritualen. Dem sportlichen Kräftemessen beim Tschardakenlauf für Nachwuchs- und Hauptklassen folgt der festliche Mini-Korso. Bei diesem Umzug ziehen Kinder in Tracht mit liebevoll geschmückten Tret-Traktoren und Puppenwagen vom Feuerwehrhaus durch die Feststraße, was die frühe Sozialisation im lokalen Brauchtum augenfällig dokumentiert.

Im weiteren Verlauf des Samstags entfaltet sich ein dichtes akustisches Panorama: Während Ensembles wie das Tschardakenblech und die Nickelsdorfer Böhmische die Straße beschallen, demonstrieren die Podersdorfer Goaßlklescha mit dem rhythmischen Knallen ihrer Fuhrmannspeitschen ein altes Signal- und Lärmbrauchtum. Zeitgleich verlagern Chöre wie der Singverein Halbturn das Geschehen beim traditionellen Kellersingen in historische Weinkeller, bevor Rock-, Pop- und Schlagermusik bis in die späten Nachtstunden das Festgelände erfüllen.

Der Festsonntag

Ein Festzug geleitet die Gemeinde von der Pfarrkirche Sankt Joseph in die Tschardakenstraße, wo ein feierlicher Erntedankgottesdienst zelebriert wird. Die Verbindung von Schöpfungsdank und landwirtschaftlichem Lebensrhythmus wird durch die festlich geschmückte Erntedankkrone und die musikalische Begleitung örtlicher Blasmusikkapellen unterstrichen.

Der anschließende Frühschoppen geht am Nachmittag nahtlos in technikgeschichtliche Vorführungen über: Die Schaufahrten des Oldtimer Traktorclub Pannonia sowie des Pannonia Classic Car Club bringen historische Agrarmaschinen und Automobile auf die Straße. Das Tuckern alter Einzylindermotoren und historische Steyr-, Ferguson- oder Lanz-Traktoren visualisieren den agrartechnischen Wandel des 20. Jahrhunderts im pannonischen Raum.

Das ist kein Markt, der irgendwo auf einem Platz stattfindet. Die Kulisse selbst ist das Programm. Die luftdurchlässigen Lattenwände, die Ziegeldächer, das enge Straßenband – alles wirkt, als hätte jemand den Herbst extra für diesen Ort gebaut. Kinder schlüpfen zwischen den Tschardaken durch, Vereine stellen sich vor, Blasmusik hebt an. Das Tschardakenblech heizt ein, die Volkstanzgruppe aus Illmitz holt das Publikum auf die Straße. Zwischendurch ein Gespräch, ein Lachen, ein Blick auf die nächste Tschardake, die noch immer so aussieht, als könnte man sie jeden Moment wieder mit Maiskolben füllen.

Am Sonntag legt sich das Erntedankfest der Pfarre über dasselbe Pflaster. Dankbarkeit und Festlaune liegen hier nicht weit auseinander. Wer genau hinschaut, sieht, warum Halbturn dieses Kulturgut so hartnäckig hält: Eine stilisierte Tschardake steht sogar im Ortslogo. Die Straße trägt ihren Namen. Und jedes Jahr im Spätsommer beweist das Dorf, dass Tradition nicht im Museum überlebt, sondern dort, wo Menschen zusammenstehen, essen, tanzen und einander zuwinken.

Wer das Tschardakenfest nur in Worten kennt, kennt es nicht. Man muss die Latten gesehen haben, das Licht zwischen den Dächern, die Hände an den Ständen, die Tracht neben der Alltagskleidung, den Dampf über dem Kukuruz. Genau dafür ist die Fotogalerie am Ende des Artikels da.

Die Speicher, die Tschardaken selbst sind das eigentliche Denkmal

Im ganzen Seewinkel, im östlichen Niederösterreich und in der Südsteiermark gab es Tschardaken. Nirgendwo stehen noch so viele wie in Halbturn. Die Frauenkirchener Straße heißt inoffiziell Tschardakenstraße; eine stilisierte Tschardake steckt sogar im Ortslogo („halbTURN GANZSCHÖN“).

Was eine Tschardake ist. Eine Tschardake (auch Maisdarre) ist ein schmales, hausähnliches Holzgestell mit Ziegeldach. Die Wände bestehen aus senkrechten Latten mit Luftspalten, damit Maiskolben nach der Ernte durchziehen und trocknen können, ohne zu schimmeln. Das Wort kommt über das Ungarische csardak („Scheune“) in den Seewinkel. Etymologisch hängt es vermutlich mit den älteren Tschartaken zusammen: hölzernen Wachtürmen an der Militärgrenze gegen Osmanen und Kuruzzen. Die Ähnlichkeit der schmalen Holzstände wurde später – vermutlich auch scherzhaft – auf die Maisspeicher übertragen. Kukuruz ist schlicht der pannonische Name für Mais (ungarisch kukorica). Nach der Ernte war er Viehfutter, in guten Jahren auch Grundlage für Türkensterz (eine Polenta-Verwandte).

Das köstliche burgenländische kulinarischen Angebot

Zum Abschluss hat sich unser Fotoreporter Herbert Unger noch eine traditionelle burgenländische Krautsuppe gegönnt, die Beste die er je gegessen hat. Das Tschardakenfests ist untrennbar mit den Erzeugnissen der pannonischen Tiefebene verknüpft.

Der Kukuruz fungiert hierbei nicht bloß als dekoratives Element an Toren, Fenstern und Holzspeichern, sondern bildet das Zentrum des kulinarischen Angebots. Neben traditionell gekochten oder gegrillten Maiskolben halten originelle Kreationen Einzug – bis hin zum augenzwinkernd servierten „Kukuruz für Zahnlose“ am mobilen Stand der lokalen Pensionisten.

Die Reichhaltigkeit der pannonischen Küche spiegelt sich in deftigen Spezialitäten wider: Die Halbturner Jagdgesellschaft serviert Wildbret, während an weiteren Stationen burgenländisches Bröslfleisch, Spanferkelstelzen, frische Langos und deftige Krautsuppe zubereitet werden. Den süßen Abschluss bilden regionale Klassiker der ehemaligen k. u. k. Mehlspeisküche wie frisch gebackene Palatschinken und Somlauer Nockerl.

Einen unverzichtbaren Pfeiler bildet der Weinbau. Die Halbturner Winzer, vertreten durch traditionsreiche Weingüter und die Kooperative Winzerwerk, öffnen ihre Pforten und präsentieren im Rahmen von Verkostungen ihre Weiß- und Rotweine. Im Frühherbst nimmt naturgemäß der Sturm – frisch gepresster, in Gärung befindlicher Traubenmost eine fixe Rolle ein.

Um die Atmosphäre, die lebendigen Szenen und die architektonischen Impressionen dieses herbstlichen Brauchtumsfestes in voller Tiefe nachzuerleben, empfiehlt sich ein Blick in die vollständige Foto-Reportage.

(hu) ++ende++

Herbert Unger – freier Journalist bei bkftv.at
herbert.unger@bkftv.at oder 06645344908
Meine Artikel: https://bkftv.at/author/hu/
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