Start „Demenzfreundliche Gemeinde“

Eisenstadt, 14. 7. 2021

Im Rahmen einer Pressekonferenz stellte Soziallandesrat Dr. Leo Schneemann mit der Volkshilfe Burgenland und den Gemeindevertretern das Projekt „demenzfreundliche Gemeinde“ vor! Zusammen mit den Partnergemeinden Siegendorf, Unterkohlstätten und Stegersbach werden in den nächsten 12 Monaten zahlreiche Aktivitäten rund um das Thema Demenz gesetzt. Nach erfolgreicher Absolvierung aller Einheiten, werden die Gemeinden durch die Volkshilfe Burgenland ausgezeichnet.

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Vbgm. Jürgen Dolesch, Mag.a Katrin Kaiser, LR Dr. Leo Schneemann, Bgm. Mag. Rainer Porics, Bgm. Christian Pinzker

Wer kennt das nicht: einen Termin vergessen, den Autoschlüssel verlegt, ein Zimmer betreten und den Grund hierfür nicht mehr gewusst? Bei derartigen Symptomen handelt es sich zwar in der Regel nicht um erste Anzeichen von Demenz, jedoch können diese bereits die ersten Vorboten zukünftiger kognitiver Defizite sein.

Aktuell leiden rund 130.000 ÖsterreicherInnen (entspricht rund 6,3% der österreichischen Bevölkerung über 60 Jahre) an einer dementiellen Erkrankung, mit stark steigender Tendenz. Expertenschätzungen zufolge soll es bis ins Jahr 2050 rund 260.000 Betroffene in Österreich geben. Vergleichbare Werte lassen sich auch im Burgenland erkennen, hier spricht man derzeit von rund 5.000 bis 8.000 an Demenz erkrankten BurgenländerInnen, wobei davon auszugehen ist, dass die Dunkelziffer noch deutlich höher liegt.

Der schleichende Prozess der Erkrankung macht eine frühzeitige Diagnose in vielen Fällen schwierig, oftmals werden die Anzeichen erst in einem mittleren Krankheitsstadium, bei dem es bereits zu substantiellen Beeinträchtigungen im Alltag kommen kann, wahrgenommen und richtig gedeutet.

Vor diesem Hintergrund hat sich die Volkshilfe Burgenland, als Vorreiter im Bereich der mobilen Demenzbetreuung, zur Aufgabe gemacht, neben der Sensibilisierung von Angehörigen auch die Menschen im Umfeld auf das Thema aufmerksam zu machen.

Daher erscheint es besonders wichtig, dass auch die Gemeinden, die Partnerbetriebe im Ort, verschiedene Anlaufstellen wie Nahversorger, Ärzte, Apotheker usw. für das Thema sensibilisiert werden. So können Symptome einer Demenzerkrankung besser erkannt und betroffenen Menschen im Bedarfsfall die notwendige Unterstützung und Hilfestellung gegeben werden, sodass alltägliche Aktivitäten und Termine ohne nervenaufreibende Zwischenfälle oder Misserfolgserfahrungen ablaufen können.

Die Auszeichnung „demenzfreundliche Gemeinde“ samt der verschiedenen Netzwerk- und Partnerbetriebe und -einrichtungen stellt somit ein Gütesiegel dar, mit dem sowohl nach innen als auch nach außen klar transportiert wird, dass man sich dem Thema Demenz in der Gemeinde nicht verschließt und den sich ändernden Bedingungen anpasst. Die Volkshilfe Burgenland hat ein ambitioniertes Ziel. In den kommenden Jahren soll das Thema Demenz in der öffentlichen Wahrnehmung seiner Bedrohlichkeit beraubt und gleichzeitig Stigmatisierung und Tabuisierung entgegengewirkt werden.

 

Aus diesem Grund hat die Volkshilfe Burgenland das Projekt „Demenzfreundliche Gemeinde“ in den letzten 2 Jahren entwickelt. In Kooperation mit dem Land Burgenland ist nun auch die FH Burgenland hinzugestoßen. Die Fachhochschule wird das Projekt wissenschaftlich begleiten. Die ersten Abstimmungstermine mit den Gemeindevertretern wurden inzwischen erfolgreich absolviert. Nun stehen die ProjektparterInnen kurz vor dem Start der ersten Informationsveranstaltungen. Ein besonderer Schwerpunkt sind auch die verschiedenen Workshops für Vereine, Einsatzkräfte oder Schulen. Aber auch die Generationenaktivitäten sollen in den Gemeinden verankert werden und noch weit nach Projektende ein fixer Bestandteil im Gemeindeleben bleiben.

 

Statement LR Dr. Leo Schneemann: „Durch gezielte Aktivitäten wollen wir die burgenländischen Gemeinden in Bezug auf die Erkrankung Demenz sensibilisieren und das Thema Demenz enttabuisieren. Ich freue mich über professionelle Partner wie die Volkshilfe Burgenland, die hier Schwerpunkte setzt. Ich wünsche den teilnehmenden Gemeinden alles Gute auf dem demenzfreundlichen Weg.“

 

Statement LT-Präsidentin Verena Dunst: „Die Volkshilfe Burgenland ist seit jeher ein innovativer Taktgeber im Bereich Demenz. Jetzt wollen wir die BurgenländerInnen im Allgemeinen weiter auf das Thema Demenz sensibilisieren. Darum freut es mich, nun mit diesem Projekt voll durchzustarten.“

 

Statement Bürgermeister Rainer Porics: „Gut leben mit Demenz und Früherkennung von Demenz, das sind unsere Gemeindeziele für das Wohl unserer Mitbürgerinnen & Mitbürger. Wir haben schon in den letzten Jahren einige Schwerpunkte hier gesetzt. Nun freue ich mich auf die Umsetzung der „demenzfreundlichen Gemeinde“!“

 

Statement Bürgermeister Christian Pinzker: „Ich freue mich, im Rahmen des Projektes, Betroffene und Interessierte in unserer Gemeinde mit Gesprächen und Workshops zu begleiten und so zu versuchen, den Umgang mit dementen Menschen zu erleichtern. Wir betreiben schon seit Jahren das „Gesunde Dorf“ und informieren hier über verschiedene Erkrankungen. Mit der „Demenzfreundlichen Gemeinde“ gelingt es uns nun weitere Barrieren abzubauen!“

 

Statement Vizebürgermeister Jürgen Dolesch: „Das Thema Demenz betrifft immer mehr Menschen in Österreich. Wir freuen uns, Teil dieses tollen Pilotprojektes sein zu dürfen und Stegersbach zu einer demenzfreundlichen Gemeinde machen zu können! Zwei Drittel der Menschen mit Demenz werden zuhause von den Angehörigen gepflegt. Wir wollen diese Menschen aus der sozialen Isolation holen und wieder teilhaben lassen. Darum bin ich auch sicher, dass dieses Projekt von Erfolg gekrönt ist!“

 

Statement Mag.a Katrin Kaiser, Projektleiterin: „Lassen Sie mich erzählen: Frau G. ist Bürgerin einer kleinen Gemeinde im Mittelburgenland. Ich bin heute bei ihr zu Besuch. Erstmals, nach vielen Gesprächen, kann sie offen über ihre Gefühle bezüglich ihrer Demenzerkrankung sprechen. Sie erlaubt sich ihre stets freundliche und zuvorkommende Art einen Moment lang abzulegen. Die Augen füllen sich mit Tränen, ihr Blick senkt sich und ihr Oberkörper sackt zusammen. Frau G. erzählt, dass sie am liebsten schon „nicht mehr da“ wäre. Sie schäme sich so, weil sie nicht mehr so könne wie früher. Sie sei vergesslich und sehr oft müsse sie einen Satz unterbrechen, weil ihr bestimmte Wörter und Bezeichnungen nicht einfallen würden. Sie wisse zwar, was sie sagen wolle, aber der Kopf mache nicht mit. Dies sei zum Verzweifeln. Am schlimmsten für sie sei es, dass sie sich nicht mehr traue unter die Leute zu gehen, weil diese dann über sie reden könnten und nicht verstehen würden, was mit ihr los sei. Früher sei sie jeden Sonntag in die Kirche gegangen, habe sich in Geschäften mit anderen Menschen unterhalten; jetzt müsse dies alles von ihrem Mann übernommen werden, weil sie Angst vor den Reaktionen der anderen Menschen habe, wenn diese ihre Erkrankung bemerkten. Solche Schilderungen hören wir regelmäßig von Menschen mit Demenz. Sozialer Rückzug geht fast immer mit einer Demenzerkrankung einher. Dabei ist gerade ein erfülltes Sozialleben ein essentieller Faktor für eine gesunde Psyche und glückliches Altern. Helfen wir Menschen mit Demenz, zeigen wir ihnen, dass sie weiterhin in unserer Mitte willkommen sind, dass sie verstanden werden und wir offen sind für ihre Bedürfnisse – nur so kann es einen gelungenen Zusammenhalt in der Gemeinde geben!„

 

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